Hintergrund

“Wir benötigen eine unternehmerische Gesellschaft in der Innovation und Unternehmertum als die Regel und nicht als Ausnahme angesehen werden und kontinuierlich stattfinden.“
(nach Drucker 2001)

Eine globale Analyse fasst zusammen, dass “eine verstärkte Betonung des Unternehmertums durch Regierungen, Organisationen und die Öffentlichkeit“ (GEM Global Report 2012: 6) stattfindet.
Dies bedeutet auch, dass die unternehmerische Ausbildung für die Vorbereitung der jungen Generation auf ein wohlständiges Leben und die weitere Entwicklung von wirtschaftlichem Wachstum im 21. Jahrhundert essentiell ist (Volkmann et al.  2009). Die Analyse zeigt auch, dass die unternehmerischen Aktivitäten in EU-Mitgliedsstaaten unter dem weltweiten Durchschnitt liegen und das das generelle Interesse am Unternehmertum, sowie an der Absicht selbst Unternehmer zu werden, als weniger interessant eingeschätzt wird (GEM Global Report 2012: 7-8).

Diese Ergebnisse sollten ernst genommen werden, da das Unternehmertum Kompetenzen wie Integration von Wissen, Fähigkeiten, Einstellung und Verlässlichkeit der unternehmerischen Einstellung verlangt, die bei den meisten jungen Menschen erst noch entwickelt werden müssen (Heinonen & Poikkijoki 2006: 84).

Die Europäische Kommission hat die Bedeutung von unternehmerischem Handeln in Europa erkannt und als eine erste Initiative von Europe 2020 die „Innovation Union“ initiiert (European Commission 2010/1161). Zusätzlich hat die Kommission, im Rahmen des „Think small first“ Aktes, vermehrte Forschung zum Thema unternehmerische Ausbildung angeregt (European Commission 2008/394 #VIII). Abschließend wurde im Rahmenprogramm Lebenslanges Lernen „der Sinn für Eigeninitiative und Unternehmertum“ als transversale Kompetenz definiert (European Parliament 2005/0221).

Es besteht demnach ein hoher Bedarf, das Mitwirken des europäischen Bildungssystems an der Entwicklung einer unternehmerischen Denkweise auf allen Ebenen zu verstärken (Flash Eurobarometer 354). Durch diese gemeinsamen Ziele und Leitlinien der Politik wurde den Aktivitäten der unternehmerischen Bildung ein formaler Rahmen gegeben. Allerdings enthält dieser Rahmen noch keine einheitliche Definition der europäischen Dimension von unternehmerischer Bildung.

Historisch betrachtet begannen Forschung, Entwicklung und praktische Umsetzung der unternehmerischen Bildung an US-amerikanischen Business Schools (Katz 2003). Demnach sind viele Konzepte und Methoden durch den US-amerikanischen ökonomischen, sozialen und pädagogischen Kontext beeinflusst. Darüber hinaus existieren in den EU-Mitgliedsstaaten verschiedene Herangehensweisen an unternehmerische Bildung. Die Rolle der EU verbleibt darin, eine Plattform für den Austausch von unternehmerischen Aktivitäten bereitzustellen und als Beschleuniger zu agieren (ECORYS 2011).Um den Zusammenschluss der nationalen Herangehensweisen zu erreichen wird ein gemeinsames Verständnis von unternehmerischer Bildung benötigt. Solch ein Verständnis sollte eine europäische Dimension von Unternehmertum beinhalten, die auf den einzigartigen Charakteristika wie dem gemeinsamen europäischen Markt, der Vielfalt und Verbundenheit der Kulturen basiert. Zugleich ist es wichtig, diese Charakteristika nicht nur zur Definition von Konzepten, sondern auch zur Stärkung der Umsetzung der unternehmerischen Bildung einzusetzen.

Wie beschrieben, stammen die meisten Ansätze zu unternehmerischer Bildung von Business Schools und fokussieren relevante Aspekte von Wirtschaft, Ökonomie und Recht (Katz 2003). Der Fokus liegt demnach auf der Vermittlung von Wissen und Fähigkeiten an Studierende in der akademischen Bildung, die kurz davor stehen eine Firma zu gründen (Kirby 2007). Allerdings verlangen diese Ansätze bereits eine unternehmerische Denkweise und zielen nicht darauf ab, eine solche zu entwickeln. Dies ist nicht nur in der akademischen Bildung, sondern auch in der beruflichen Bildung der Fall (European Commission 2009). Dieses Problem hängt auch mit den verwendeten Unterrichtsmethoden zusammen. Im formalen Bildungssystem besteht die Absicht, Wissen und Fähigkeiten für die berufliche und persönliche Zukunft zu vermitteln, wobei der Lerner eine passive Rolle übernimmt. Diese Herangehensweise ist speziell für die unternehmerische Bildung problematisch, da der Kern von unternehmerischer Kompetenz in einer innovativen, zielorientierten und selbstgetriebenen Handlungsweise liegt.

Ferner zeigen Forschungsergebnisse, dass die Möglichkeiten, Änderungen von Denkweisen und Einstellungen zu erreichen, im Rahmen von anleitungsbasierter Bildung und Unterricht begrenzt sind. Global betrachtet zeigt sich, das weltweit Länder in den letzten zwei Jahrzehnten begonnen haben zu realisieren, dass ihre Systeme es nicht geschafft haben, junge Leute so auszubilden, dass sie neue wirtschaftliche Möglichkeiten schaffen und nicht nur auf diese reagieren (World Economic Forum 2009: 25).

Es werden alternative didaktische Ansätze, speziell zum experimentellen und aktionsbasierten Lernen benötigt, um diese Grenzen zu überwinden (Carland & Carland 2001; World Economic Forum 2009: 15). Ansätze zu unternehmerischer Bildung sollten kreative und zielorientierte Denkweisen verfolgen (European Commission 2009: 27-30). Ein wichtiger Beitrag dazu könnte sein, die unternehmerische Bildung intensiver in die berufliche Bildung einzubeziehen. Einerseits gibt es generell einen hohen Bedarf, das aktionsbasierte und experimentelle Lernen zu stärken. Andererseits sollten unternehmerische Karrieren und Methoden speziell in der beruflichen Bildung verstärkt zur beruflichen Orientierung eingesetzt werden.

Im System der beruflichen Bildung werden neue Methoden benötigt, um das Interesse am Unternehmertum zu steigern und Schüler darauf vorzubereiten, selbst unternehmerisch tätig zu werden. Diese Methoden sollten die Möglichkeit beinhalten, unternehmerische Praxis zu erleben und einen Einblick in unternehmerische Tätigkeiten zu erhalten.

Eine viel versprechende Richtung zum Erleben der unternehmerischen Praxis liegt in einem design-basierten Ansatz der unternehmerischen Bildung (Bruton 2011). Hierbei wird mithilfe von unternehmerischer Denkweise sowie entsprechendem Wissen und Fähigkeiten ein kundenorientiertes Produkt oder eine Dienstleistung entwickelt. Eine derartige Herangehensweise könnte in ein authentisches Szenario eingebettet werden, um relevante Kompetenzen für ein zukünftiges Berufsleben zu entwickeln (Schank et al. 1992). Das Szenario könnte in einer spielbasierten Art im Bereich des Spiel-Designs angelegt werden, um die Motivation der Schüler zu erhöhen und sicherzustellen das auch informell erlerntes Wissen angewendet werden kann. Ein pädagogischer Rahmen, der die Prinzipien dieser Ansätze miteinander kombinieren würde, hat ein hohes Potential zur Entwicklung einer unternehmerischen Denkweise als Fähigkeit Ideen in Aktion umzusetzen (Dilger & Pechuel 2011).

Eine solche Methode zu entwickeln und einzuführen stellt eine große Herausforderung für Lehrende dar. Insbesondere weil das Unternehmertum weder in das Bildungssystem noch in die Lehrerausbildung integriert ist. Zudem verfügen die meisten Lehrer nicht über unternehmerische Erfahrung (ECOTEC 2011). Daher müsste man die Lehrerausbildung auch in die Bemühungen, die unternehmerische Bildung zu verbessern, einbinden. Des Weiteren können Lehrer und Schulen einen solchen Ansatz zum unternehmerischen Agieren nicht ohne Unterstützung entwickeln. Es besteht ein hoher Bedarf, dass Experten aus der Berufspraxis sowie den Bildungswissenschaften miteinander kooperieren (ECOTEC 2010).

Alle Partner, die an diesem Projekt teilnehmen, haben Erfahrung in der Durchführung von unternehmerischer Bildung in verschiedenen Programmen zur beruflichen Bildung. Viele haben bereits an Projekten zur unternehmerischen Bildung teilgenommen. Das gemeinsame Ziel des Projekts ist es, ein besseres Verständnis von europäischer unternehmerischer Bildung  zu kreieren sowie einen neuen Ansatz zu unternehmerischer Bildung zu entwickeln und zu testen, der das Potential hat, eine unternehmerische Denkweise einzuleiten und die europäische Dimension von Unternehmertum in Theorie und Praxis zu integrieren.